Manfred Holtfrerich

geb. 1948 in Nordwalde/Westfalen
1969-73 Studium an der Werkkunstschule/Fachhochschule Münster: Malerei, Typografie, Fotografie
1974-81 Studium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei
Franz-Erhard Walther und Gerhard Rühm
lebt in Hamburg

Ausstellungen: (seit 2009)

2024 „Felder, Blätter und andere Gegebenheiten“, Produzentengalerie Hamburg
2023 „Man muss nicht alles verstehen“, Marie 10, Showroom Jörg Johnen, Berlin.
2022 „Der Geist der Kunst ist nicht Natur“, EA, Galerie Ute Parduhn, Düsseldorf
2022 „pain/t/hing – ausser Haus“, Haus am Lützowplatz/Studiogalerie, Berlin
2022 „Remix. Einblicke in die Sammlung zeitgenössischer Kunst“, Kunsthalle Bremen, Bremen
2021 „Adorno, Cezanne und die Hände der Frauen“, EA, Galerie für Gegenwartskunst, Bremen
2021 „Chambre Directe“ Manfred Holtfrerich, Karin Sander, Chambre Directe SCHUBIGER,
St. Gallen/Schweiz
2020 „Mein Vater, meine Nachbarn, meine Freunde und deren Freunde“,
FAHRBEREITSCHAFT/haubrok foundation, Berlin
2020 Kunsthalle Bremen, Remix 2020, Die Sammlung neu sehen
2019 „Stillleben“ Ayse Erkmen, Mona Hatoum, Manfred Holtfrerich, Thomas Ruff, Karin Sander,
Thomas Schütte, Wiebke Siem, Andreas Slominski, Galerie Ute Parduhn, Düsseldorf
2019 „Blätter aus dem Bestand des Museums“, Kunstmuseum Bremerhaven
2018 „Paperworks“, Haubrok Foundation, Fahrbereitschaft, Berlin
2018 „Figurenbilder“ Kunstverein Ruhr, Essen
2017 „Wandobjekte/Blätter/Bilder“, Galerie Peter Zimmermann, Mannheim
2017 Manfred Holtfrerich/Wiebke Siem, Galerie für Gegenwartskunst, Bremen
2015 „Künstlerräume 02“, Manfred Holtfrerich, Weserburg, Museum für moderne Kunst
2015 „Frank Gerritz, Manfred Holtfrerich“, Galerie Peter Zimmermann, Mannheim
2015 Galerie für Gegenwartskunst – Bremen, Accrochage: Achim Bertenburg, Manfred Holtfrerich,
Heinrich Modersohn, Sarkis
2014 Weserburg, Museum Moderner Kunst, Bremen, Künstlerräume 02
2014 „Lass Dich von der Natur anwehen“, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen
2013 „Lass Dich von der Natur anwehen“ – Landschaftszeichnung der Romantik und Gegenwart,
Kunsthalle Bremen
2013 Galerie für Gegenwartskunst, Bremen, Mühlen in Farbe/Frauen in Farbe in Tracht
2013 „Blatt für Blatt“, Galerie Elke Dröscher, Kunstraum Falkenstein
2013 „Victor“, Galerie Zweigstelle, Berlin
2012 Kunsthalle/Kunstverein Bremerhaven: „Blätter aus der Sammlung des Kunstvereins“, EA, Katalog
2011 Galerie für Gegenwartskunst, Bremen: Accrochage
2010 „Lost in summer“ Galerie WTC, Hamburg
Studio Karin Sander, Berlin, „Was Schönheit sei, dass weiß ich doch“ EA
„Landpartie“, Kunstmuseum Ahlen, Westdt. Künstlerbund, Katalog
„Blätter und andere Bildobjekte“, Kunstverein Bruchsal, Das Damianstor, EA
2009 „Bilder u.a. Objekte“, Galerie für Gegenwartskunst, Bremen, Katalog, EA
„Bilder aus der Zehnbambushalle und andere schöne Motive“, Galerie Renate Kammer, Hamburg, Ktg. EA
Galerie nihil nisi, Berlin, EA

Veröffentlichungen/Künstlerbücher: www.manfredholtfrerich.de

art.Das Kunstmagazin, Das Blattwerk (Pdf)
Text: Boris Hohmeyer Fotos: Benne Ochs, März 2014

Christoph Grunenberg: Blätter sehen Dich an

Blätter sehen Dich an

Ein klassischer Proustscher Moment der Erinnerung, den wir alle schon erlebt haben, ist das zufällige Stoßen auf gepresste Blumen oder Blätter zwischen den Seiten von Büchern. In diesen Begegnungen schwebt immer auch eine melancholische Erkenntnis mit – seien es persönliche Assoziationen oder die Projektion von fremden Erlebnissen, die heraufbeschworen werden. Sie sprechen von Vergangenem, Verlust, Niedergang oder Tod, wenn auch gerade der Zeitpunkt des Verwelkens eines Blattes einen ästhetischen Höhepunkt darstellt, ein letztes Aufbäumen gegen Vergessen und Vergänglichkeit. In diesem Buch sind fast drei Jahrzehnte Erinnerungen versammelt, jedes Blatt verbunden mit einem geographischen Ort und einem Moment im Leben.

Holtfrerichs Blätter existieren in einem dynamischen Spannungsverhältnis der Faszination mit einem virtuosen und verführerischen mimetischen Realismus und dem distanzierenden Abstraktionspotential einer fast mechanisierten Darstellung, verstärkt durch eine konsequente Serialität. Am Anfang der Begegnung mit den Blättern steht die Faszination mit der intensiven Farbenpracht eines allgegenwärtigen Naturobjektes – die konzentrierte Schönheit einfacher Baumblätter in unglaublicher Subtilität, Variation und Vielfalt. Die Fokussierung auf den Mikrokosmos des exemplarisch vereinzelten Blattes steht dabei in der Tradition einer romantisch verklärten Naturauffassung, die sowohl botanische Genauigkeit suchte wie Gemütsstimmungen und Sehnsucht nach zivilisatorischer Ursprünglichkeit auf Pflanzen, Gestein und Landschaften projizierte.

Die Faszination mit dem Wunderwerk des Naturschönen besteht weiter, allerdings gelöst vom metaphysischen Ballast. Die strukturierte Oberfläche des Aquarells suggeriert dabei erst einmal die einmalige, gewachsene Gestalt der Vorlage, eine einnehmende und fast haptisch greifbare Illusion eines Laubblattes. Zentriert und isoliert auf einem weißem Blatt Papier im standardisierten Format und in kompromissloser Frontalität und Flachheit verpufft der Effekt der Augentäuschung und Sinnesverführung. Was bleibt ist das Bild als Typus – eine Serie von Variationen in reduzierter und fast emotionsloser indexikalischer Reihung.

So ist eine zentrale Frage, die die Blätter stellen, die nach der Natur des Objektes als Ding an sich und dem Bild als eine durch Wahrnehmung und Intellekt gefilterte Erscheinung. Die getreue Wiedergabe des Blattes schafft eine Illusion des Eigentlichen, d. h. die – unmögliche – reine Wiedergabe ohne Reflexion in einer »Erinnerungskunst« (Cassirer). Das einfache Motiv in seiner strikten Wiederholung vermittelt dagegen die Erkenntnis, dass alle Darstellung auch immer kreativ und gestaltend ist. So transportieren die Blätter die Erkenntnis, im erweiterten Sinne von Goethes Gingko biloba, »dass ich eins und doppelt bin« – Laubblatt und Blatt, Bild und Abbild, Ding und Erscheinung, Realität und Illusion, Gegenwart und Vergangenheit, Existenz und Erinnerung.

Christoph Grunenberg

Close

in: Manfred Holtfrerich, Blätter 1-236, Bremen, 2018

Alice Gudera: Manfred Holtfrerich, Blätter

Alice Gudera

Blätter
Manfred Holtfrerich

Mit einer gewissen Leichtigkeit lassen sich die naturnah aquarellierten Blätter (S.##) Manfred Holtfrerichs den präzisen Pflanzenstudien romantischer Künstler zur Seite stellen. Doch bei aller scheinbaren Nähe zu den älteren Werken behaupten sich die Arbeiten des Hamburger Künstlers als künstlerische Zeugnisse eigenen Ursprungs. Darin verbirgt sich ein grundsätzlicher Kern von Naturstudien: Seit dem Spätmittelalter stehen sie für die getreue Schilderung von Pflanzen, Tieren oder Gesteinen, offenbaren aber zugleich eine wesentliche Auseinandersetzung mit künstlerischen Fragen der jeweiligen Entstehungszeit.¹

Die einzelnen Blätter sind Teil einer 1990 begonnenen Serie, bei der Holtfrerich aufgelesene Blätter von Bäumen einzeln und minutiös im Maßstab 1:1 wiedergibt. Das Papierformat ist so groß gewählt, dass sich das dargestellte Blatt deutlich von der weißen Fläche abhebt und den Blick auf sich lenkt. Schattenlos beherrschen die vegetabilen Elemente das weiße Papier, präsentieren sich vollendet und lassen keinen Zweifel an ihrer Übereinstimmung mit dem natürlichen Vorbild aufkommen. Genauestens überträgt Holtfrerich nicht nur die morphologischen Eigenheiten unterschiedlichster Blätter, gibt ihre Umrisse und die natürliche Binnenzeichnung in allen Details wieder, sondern zeigt überdies verschiedenartige Verfärbungen, die die jahreszeitliche Entwicklung mit sich bringt, die aber auch aus Umwelteinflüssen resultieren können.² Löcher und Randunregelmäßigkeiten durch Insektenfraß aquarelliert er ebenso exakt wie die Veränderungen durch Parasitenbefall. Er porträtiert die Blätter in ihrem höchst individuellen Aussehen mit allen Zeichen der Zeit und gibt damit – zumal im Kontinuum der Serie − ein Bild von Geschichte und Vergänglichkeit.

Obschon Holtfrerichs Blätter in den Einzelheiten den Vergleich mit der Wirklichkeit heraufbeschwören, lässt sich nicht von einem Trompe-l’Œil-Effekt sprechen, denn es fehlen illusionistische Hinweise auf Dreidimensionalität. Die strenge Anordnung auf dem weißen Büttenpapier trägt vielmehr zum Eindruck ausgesprochener Präsenz des Gemalten bei und führt von der Idee einer repräsentativen Pflanzendarstellung weg. Der Gegenstand gewinnt durch die naturnahe Aufnahme eine extreme Nahwirkung, bleibt jedoch durch seine schwer fassbare malerische Wiedergabe und seine isolierte Stellung gleichzeitig fern, erscheint zutiefst künstlerisch im Ausdruck. Mit ihren augenfälligen Verletzungen und Deformationen erzeugen die Blätter daher vor allem einen hohen ästhetischen Reiz.

Auf die Zuordnung zu einer Pflanze scheint es tatsächlich überhaupt nicht anzukommen, entsprechend verzichtet Holtfrerich auch auf botanische Bezeichnungen. Von der unmittelbaren Anschauung soll offenbar keinerlei inhaltliche Information ablenken; Titel und Nummerierung stehen deshalb auf der Rückseite. Mit der Bezifferung der Arbeiten fügt der Künstler ein registrierendes Element hinzu, das zwar die Ordnung der gemalten Blätter in einer Schublade ermöglicht, sich hingegen jeder Klassifizierung des Naturvorbildes entzieht. Die Blätter haben also keine systematisierende oder lehrende Funktion und zeugen nicht zuletzt durch ihre museale Einbindung von einer künstlerischen Aneignung der Wirklichkeit. Ferner tragen sie neben der Nummerierung rückseitig den Titel Blatt, was doppeldeutig sowohl auf die allgemeine Benennung des Motivs als auch auf den Bildträger anspielt. Dies bestätigt einmal mehr die künstlerische Absicht hinter der so gewissenhaft exakten Arbeitsweise.

Die genaue Beobachtung natürlicher Elemente, ihr In-den-Blick-Nehmen mit dem Ziel, überindividuelle künstlerische Aussagen zu formulieren und nicht lehrreiches Material zu bieten, verbindet die Blätter Holtfrerichs mit den Pflanzenstudien aus dem Kreis der Romantiker. Mehr und mehr Künstler fangen in den 1780er Jahren an, sich die Natur durch genaueste Detail- und Ausschnittstudien anzueignen. Während Naturstudien vorangegangener Zeiten ihren Zusammenhang in Herbarien, Florilegien oder als Vorarbeiten für Altäre hatten, spielen sie nun eine entscheidende Rolle für den Wandel in der Auffassung von Landschaftsmalerei. Die Nobilitierung einzelner Naturelemente zum bildwürdigen Motiv als Voraussetzung für ein verändertes Verständnis von Landschaft antwortet dabei zweifellos auf die zunehmende Bedeutung empirischer Beobachtung innerhalb der Naturwissenschaften.³ Wenn die durch das Landschaftsbild vermittelte Wahrheit fortan nicht nur als Verkörperung eines reinen Ideals verstanden werden will, so ist sie zwangsläufig an die Wiedergabe konkreter Naturelemente gekoppelt. Daher entwickelt sich die Naturstudie zu einem wichtigen Ausgangspunkt für alle Richtungen der Landschaftsmalerei um 1800. Der empirische Blick auf die Natur bedeutete für die Kunst freilich stets eine ästhetische Aneignung jenseits rein mimetischer Abbildung. Die hier gezeigten Naturstudien romantischer Künstler wie Friedrich Nerly (1807–1878), Friedrich Preller (1804–1878) oder Carl Gustav Carus (1789−1869) weisen deshalb – wie die Blätter Manfred Holtfrerichs – sämtlich über das Individuelle des Naturelementes hinaus, lassen also keinen Zweifel an ihrem ästhetischen Anspruch. Dabei vermitteln sie auf je eigene Weise die Faszination von der Schönheit und Vielfalt, die dem kleinsten natürlichen wie künstlerischen Detail anhaften.

Im Unterschied zu den romantischen Werken verzichten die Aquarelle Holtfrerichs auf einen größeren inhaltlichen Zusammenhang. Während die Romantiker über den Mikrokosmos der Pflanzenwelt einem Ganzen entgegenstrebten und jeweils eigene − naturwissenschaftliche, philosophische, religiöse – Orientierung beabsichtigten, schließlich im Landschaftsbild der Komplexität der Naturerscheinungen eine Deutung unterlegten, verunsichern die Blätter Holtfrerichs, indem sie in einer Zeit feinster technischer Reproduktionsmöglichkeiten offensichtlich keine Funktion oder höhere Bedeutung außerhalb des Bildes anstreben. Längst haben Künstler der Erkenntnis Rechnung getragen, dass es keinen einheitlichen, umfassenden Ausdruck von Natur (mehr) geben kann. Die Blätter sind folglich vor allem eines: als Kunst gegenwärtig. Im Moment der Betrachtung irritieren und befragen sie unsere Wahrnehmung, die damit zum eigentlichen Thema wird.

Manfred Holtfrerich, Blatt (143), 2008

Manfred Holtfrerich
Blatt (143), 2008, Aquarell auf Bütten
500 x 420 mm
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett

Manfred Holtfrerich, Blatt (149), 2008

Manfred Holtfrerich
Blatt (149), 2008, Aquarell auf Bütten
500 x 420 mm
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett

¹ Zu Naturstudien gehören ferner nahsichtige, kleine Naturausschnitte, die letztendlich auf vergleichbare künstlerische Zusammenhänge verweisen. Vgl. dazu den Beitrag von Katharina Erling im vorliegenden Katalog, S. ##.

² In den frühen Blättern der Serie zeigt Holtfrerich noch keine derartigen Veränderungen.

³ Vgl. Mitchell 1993, S. 29−32.

Close

in: „Lass Dich von der Natur anwehen“, Kerber Verlag, 2013

Guido Boulboullé: Manfred Holtfrerich

Textblatt Weserburg, Museum moderner Kunst, Künstlerräume 02

Manfred Holtfrerich

*1948 in Nordwalde (Nordrhein-Westfalen), lebt und arbeitet in Hamburg

1990 begann Manfred Holtfrerich seine „Blatt“- Serie, eine Folge von Aquarellen auf Büttenpapier. Stets wird ein einzelnes Baumblatt immer in der Mitte des genormten Bildformats festgehalten. Die Blätter sind zufällig gefunden, vom Boden aufgelesen und gepresst, bevor sie zum Modell werden. Ihre botanische Funktion oder ihr Erhaltungszustand spielen bei der Auswahl keine besondere Rolle, bei einigen sind Schmutzspuren und Raupenlöcher präzise wiedergegeben. Was an dieser Folge verblüfft, ist nicht nur die Perfektion der Darstellung, sondern vor allem die sachliche Klarheit der Reproduktion. Nackt, ohne jedes Beiwerk, ohne schwebende Eleganz oder räumliche Tiefe sind Umriss, Farbspiel und Äderung festgehalten. Auf den ersten Blick glaubt man, mit einem getrockneten und gepressten Blatt konfrontiert zu werden, bevor man bei genauem Hinsehen die feine, exakte Maltechnik erkennt. Diese schwankende Ungewissheit stellt sich vor jedem einzelnen Bild erneut ein. In ihr kommt ein wesentlicher Aspekt der Kunst Holtfrerichs zum Vorschein: Im Unterschied zum barocken trompe-l’oeil bezweckt seine Kunst keine Augentäuschung, die, einmal erkannt, nur den Reiz des besonderen Motivs und das malerische Können vorführt. Sein Werk zielt wie die Minimal Art auf die geheimnislose Präsenz des Werks. Im Kontrast zur Fotografie, die das Abwesende im fotografischen Abbild bewahrt, verwandelt Holtfrerich seine Vorlage in ein eigenständiges Bild, das nur sich selbst repräsentiert. „Wenn es fertig ist, dann ist es einfach nur da. Dann ist es ein Blatt.“ Seine allmähliche Entstehung auf dem Papier beginnt mit einer sorgfältigen Umrisszeichnung und endet in einem langwierigen, geduldigen Farbauftrag. Es handelt sich um einen konzentrierten, immer wieder überprüften Malvorgang, einen Prozeß der Vergegenwärtigung, der die ursprüngliche Vorlage in ein autonomes Bild überführt. „Ich arbeite so lange daran, bis ich das Gefühl habe, es ist wirklich da, weiter kann man nichts machen.“

Guido Boulboullé

Close

in: Textblatt Weserburg, Museum moderner Kunst, Künstlerräume 02

Harald Welzer: Blätter

Blätter

„Blätter derselben Art können sich je nach Standort verschieden färben, so bei Eberesche auf trockenen Standorten kräftigrot, sonst gelb.“
Brockhaus Enzyklopädie

Was bringt die Farbe in die Blätter? Sie erinnern sich an den Biologieunterricht, die Photosynthese, diesen erstaunlichen Vorgang, in dem aus Kohlendioxid, Wasser und Licht und unter Mitwirkung sogenannter Assimilationspigmente Glucose wird. Zu den Assimilationspigmenten gehört als wichtigstes das Chlorophyll, das sich in den Chloroplasten einlagert und die grüne Farbe der Blätter bewirkt. Das Auge registriert dabei natürlich nicht den phantastischen Prozeß, in dem aus der Strahlungsenergie der Sonne etwas Substantielles wird, sondern sieht nur das grüne Laub, aber es verzeichnet mit Freude den umgekehrten Vorgang: den Abbau des Chlorophylls, der zur Herbstfärbung der Blätter führt, weil die zuvor durch das Chlorophyll überdeckten (roten) Carotinoide und (gelben) Xanthophylle plötzlich „farbwirksam“ werden (wie der Brockhaus das nennt). Zugleich werden Zellsaftfarbstoffe neu gebildet, die das spektakuläre Farbenspiel der Herbstwälder erzeugen – besonders, wenn der Herbst sonnig und kühl ist, wie im Indian Summer der Ostküsten-Staaten Nordamerikas.

Die Sache mit dem Chlorophyll war für mich eines der wenigen Naturphänomene, die noch über die trockene Sprache der Schulbücher und des langweiligen Biologieunterrichts hinweg eine Ahnung des Wunders bewahrten, das sie jenseits der naturwissenschaftlichen Entzauberung der Welt sind. Die Farb- und Formenvielfalt der Blätter hat seit je die Künste fasziniert, vom architektonischen Laubwerk der Gotik bis zu den Fotografien Bloßfeldts. Was aber macht ein konzeptueller Künstler wie Manfred Holtfrerich mit Blättern? Zunächst ein semantisches Spiel: denn seine Aquarelle, die Herbstblätter der unterschiedlichsten Pflanzen mit der Akribie botanischer Zeichnungen des 18. Jahrhunderts abbilden, sind ja selbst Blätter, freilich keine Naturprodukte, sondern zeichnerische Artefakte. Diese bilden Herbstblätter in unterschiedlichen Färbungs- und Verfallszuständen ab und bewegen sich in einem eigentümlichen Zwischenraum zwischen konkreter, objektbezogener Farb- und Formdarstellung und dem Zeigen jener ganz selbstverständlichen und unaufklärbaren Schönheit der Herbstblätter, wie sie jedes für sich einzigartig und so nur in einem einzigen Augenblick sind. Dann gibt es eine nicht nur metaphorische, sondern auch organische Verwandtschaft, denn die Blätter, die aquarelliert werden, sind ja ein Produkt jenes pflanzlichen Rohstoffes, den die natürlichen Blätter selbst mit hervorgebracht haben, und gewiß ist es wohlbedacht, die so kühl, sachlich und objekthaft präsentierten Aquarelle in Holz zu rahmen.

Das Spektrum und die Menge der Blätter sind unerschöpflich und prinzipiell unendlich – wie die Blattserie selbst auch, die lebenslänglich fortgesetzt werden könnte, ohne daß eine Schmälerung des Konzepts oder eine Minderung seiner Schönheit einsetzen würde. Seriell befassen sich die Blätter mit der Unendlichkeit der Zeit; jedes einzelne mit der Singularität eines Augenblicks. Die semantischen Überschneidungen im Laubwerk Holtfrerichs sind aber kein intellektuelles Spiel, sondern ein Verweis auf das paradoxe Verhältnis des mit allen Wassern der Moderne gewaschenen Künstlers zu seiner gleichwohl resistent gebliebenen Auffassung vom Schönen, das einfach da ist und sich zeigt. Diese altmodische Kategorie des Schönen beinhaltet sowohl ein Unsagbares wie ein Uneinholbares: Beschreibungen reichen an es genausowenig heran wie Reproduktionen – erstere werden Geschwafel, letztere Kitsch.

Es ist ein Glücksfall, daß Manfred Holtfrerich, obwohl der Tradition konkreter Kunst verbunden, sich deren asktisch-pedantischem Grundzug entziehen kann, indem er das Konkrete dort aufsucht, wo es ohne weiteres Staunen hervorruft, ein Staunen, das keines reflexiven Umwegs bedarf. Die „Blätter“ sind ein schöner Beleg dafür, daß Naivität im Umgang mit dem Vorfindlichen einen Erkenntnisvorsprung bedeuten kann, der durch noch so intensives Nachdenken nicht einzuholen ist: ein Blatt so einfach aufzuheben, wie wir alle das staunend in der Kindheit getan haben, es in einer solchen Präzision gestalthaft nachzubilden, daß sich einmal ein Setzer geweigert hat, eines dieser Blätter einzuscannen, weil er fürchtete, es dabei zu beschädigen, und es dann einer sachlichen Präsentation zu überantworten, die die Handschrift des Künstlers, ja die Prätention jeglichen Einfalls, konsequent negiert – das alles setzt einen so freien Umgang mit der Aufgabe und dem Material des Künstlers voraus, daß sich das Staunen auf den Betrachter der „Blätter“ umstandslos überträgt. Und was mehr könnte man von Kunst erwarten, als in Staunen versetzt zu werden?

Harald Welzer

Close

in: Blätter, Hamburg, 2001

Kunstverein Ruhr: Manfred Holtfrerich, Figurenbilder

Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 22.3.2018

Kunstverein Ruhr

Ahnengalerie aus einer vergangenen Arbeitswelt 22.03.2018 – 14:00 Uhr

Manfred Holtfrerich Kunstverein Ruhr
Manfred Holtfrerich vor seinen „Figurenbildern“ im Kunstverein Ruhr. Foto: Kerstin Kokoska

ESSEN. Aus der Zinkfabrik in die Ausstellungshalle: Manfred Holtfrerich zeigt „Figurenbilder“ beim Kunstverein Ruhr.

Der Blick ist konzentriert, der Rücken durchgedrückt, die Haltung feierlich: Die Figuren, die Manfred Hotfrerich aus dem 19. Jahrhundert ins Heute herübergezogen hat, sind Industriearbeiter einer belgischen Zinkhütte, deren Ganzkörperporträts den Hamburger Künstler zu seiner Arbeit für den Kunstverein Ruhr inspiriert haben: „Figurenbilder“ gibt es dort zu sehen.

Der Titel ist bewusst gewählt. Holtfrerich zeigt Figuren – keine Charaktere, Menschenstudien, keine Abbilder. Auch keine Arbeiter-Typologie wie August Sander. Lebensgroß und durch vielfache Kopiervorgänge noch einmal ins Grobkörnige, Unscharfe, Irreale gerückt, umstellen sie den Betrachter vielmehr wie eine Ahnengalerie aus fernen Zeiten. Jeder einzelne scheint den Betrachter im Raum zu fixieren, folgt ihm mit scheinbar unbeweglicher Miene. Blick und Gegenblick prägen diesen stummen Dialog.

Die Bilder sind keine Hommage an harte Maloche

Der Besucher sieht sich einerseits umkreist von Geschichte, Tradition, industriefotografischer Erzählung. Und doch wirken die Bilder komplett aus dem historischen und kunsthistorischen Kontext herausgerückt. Menschenmomente ohne Zeit und Raum. So fern und doch unheimlich vertraut. Holtfrerichs „Figurenbilder“ sind keine Zeugnisse der Arbeitswelt, keine Hommage an harte Maloche und entbehrungsreiche Zeiten. Statt Industrieromantik zeigt der Künstler Würde, Stolz und Selbstbewusstsein, das jeder dieser Porträtierten ausdrückt. Die Aufnahmen der Zinkfabrikarbeiter waren um 1870 ein Andenken für den damaligen Fabrikdirektor. Für die Aufnahmen ging’s ins Fotostudio. Und man erkennt, wie das Bild für diesen einen, feierlichen Moment zur Bühne wurde, die Holtfrerich in seiner Bilderserie nun ganz neu ausleuchtet.

Manfred Holtfrerich, Figurenbilder, Kunstverein Ruhr im Forum Kunst & Architektur, Kopstadtplatz, bis 13. Mai.

Close

in: WAZ, Funke Medien, NRW, Essen, 2018

Harald Welzer: Manfred Holtfrerich

Harald Welzer: Manfred Holtfrerich
in: artist Kunstmagazin, Nr. 97, 2013

Seltsam wie immer, die Bildobjekte von Manfred Holtfrerich. Vielleicht würde das schon reichen als Besprechung: seltsam. Denn ich glaube, dass es Holtfrerich um nichts anderes geht, als mit künstlerischen Mitteln etwas in die Welt zu bringen, was es zuvor noch nicht gab und was daher seltsam anmutet. Nein, falsch. Was es zuvor schon gab, was aber in einem so disparaten Verhältnis zu unserer Welterfahrung steht, dass es einem vorkommt, als habe man so etwas noch nie gesehen.

Dabei ist es folgerichtig, dass Holtfrerich mit eher gängigen Motiven arbeitet. Hier sind es Mühlen sowie Frauen in Trachten, slowenische Frauen, jeweils gerahmt in Plexiglasblöcken im Format 50 mal 40 Zentimeter. Die Bildobjekte mit den Mühlen treten einmal sehr warm, nämlich rot-orange in die Erscheinung, und einmal kalt in blaugrün. Die Abbildungen der slowenischen Trachtenmädchen gehen auf Buchseiten aus alten Fotobänden zurück, die Holtfrerich eingefärbt und damit merkwürdig verfremdet hat.

Nein, schon wieder falsch. Verfremdet scheint einem mitteleuropäischen Städtebewohner des 21. Jahrhunderts in seiner ganz und gar rationalisierten Welt schon die Frau in der Tracht. Keine Ahnung, was die einzelnen Elemente der Tracht zu bedeuten haben; auch keine Idee, in welchem Kulturkontext man die Abbildung zu „lesen“ hat. Es ist also schon fremd, was man da sieht, die künstlerische Bearbeitung akzentuiert diese Fremdheit allenfalls, bringt sich aber nicht hervor. Was für die Mühlen ebenso gilt. Im Zeitalter von Energiewende und mit Windrädern verspargelten Landschaften wirkt die hölzerne Bockwindmühle museal, ein nostalgisches Relikt aus einer Zeit, die sich von heute aus betrachtet am ehesten wie ein längst verlorenes Wunschholland ausnimmt. Schön war’s mit den Windmühlen, unschön dagegen heute mit den Windrädern. Fährt man über Land und sieht in irgendwo noch so eine alte Windmühle, entweder musealisiert oder zu Wohnzwecken umgebaut, freut man sich. Sieht man die Windräder, stellt sich eher ein Gefühl der Bedrückung ein. Erneuerbare Energien, ja, schon richtig, aber, äh, überall diese Dinger?

Historisch betrachtet stellt die Windmühle gegenüber dem heutigen High-Tech-Windrad natürlich die weitaus tiefere und bedeutendere Innovation dar, erlaubte sie doch Ersetzung höchst mühseliger körperlicher Arbeit durch eine durch äußerliche Energiezufuhr laufende Mechanik. Niemand musste mehr das Korn mit einem Stein in der Hand zermahlen; der Mühlstein lief wie von selbst. Demgegenüber sind diese Stromerzeugungsteile von heute tatsächlich low-tech. Nostalgie ist also gerade nicht am Platz: haben wir es doch bei der Windmühle mit einem technischen Artefakt zu tun, dass hinsichtlich seiner Prägekraft für das, was wir als modernes Leben, also als unser Leben, begreifen, weitaus bedeutsamer ist als alle großspurig verkündeten Energiewenden zusammen.

Die Herrschaft der Mechanisierung ist der eigentliche Beginn der Moderne. Dafür steht die Mühle: nicht für eine Vergangenheit als Idylle, sondern für einen Aufbruch, der längst dem Vergessen anheim gefallen ist. Ich glaube aber nicht, dass man Holtfrerichs Kunst mit derlei inhaltsästhetischem Räsonnement nahe kommt. Seine Bildobjekte rufen solche Gedanken nur auf, wenn man Annäherungsversuche an das unternimmt, was man da sieht. Die warme und kalte Farbigkeit, in der die immer gleich seltsame Mühle getaucht wird, ist sicher nicht als metaphorisierte Dialektik der Moderne zu interpretieren, sondern lediglich als warme und kalte Farbigkeit, die etwas mit dem Bild macht, das man sieht. Das reicht ja auch völlig.

Oder doch nicht: denn den ebenso seltsamen Trachtenmädchen kommt man ja so auch nicht bei. Denn sie sind als geradezu antimodernes Zeichen gar nicht so einfach einzuordnen wie die vergleichsweise einfachen Mühlen. Ihre Ikonographie ist viel schwieriger zu entschlüsseln, die Bildobjekte daher viel komplexer. Da ist es besser, es gleich sein zu lassen. Interpretationen sollen ja nichts in die Objekte hinein-, sondern allenfalls etwas herauslesen. Das geht hier aber gar nicht; Holtfrerichs Bildobjekte sperren sich ja gerade gegen das Interpretiertwerden.

Bis auf den Aspekt vielleicht, dass das Aufkommen einer Trachtenkultur viel mehr ein Produkt der Moderne als einer vormodernen Tradition ist. Tatsächlich machte sich im ländlichen Raum gerade da eine Brauchtumspflege inklusive Trachtenkultivierung etc. breit, als die Herrschaft der Mechanisierung, die Entstehung industrieller Arbeitsteilung und damit eben Enttraditionalisierung begann. Die Tracht ist selbst schon antimoderne Nostalgie, der Versuch, etwas zu bewahren, was es so nie gegeben hat.

Erfundene Vergangenheit. Es könnte sein, dass die Seltsamkeit der Arbeiten von Manfred Holtfrerich genau daraus resultiert, dass es ihm gelingt, Dinge zu schaffen, die einem auf unheimliche Weise vertraut sind. Man erlebt ein Gefühl der Vertrautheit und Fremdheit zugleich, und das macht diese Arbeiten auf eine Weise faszinierend und eindrücklich. Beschreiben kann man nur, was man sich hinreichend erschließen kann. Vor dem Merkwürdigen von etwas, was man sieht, aber doch nur vage in einem unerschlossenen Raum zwischen den Zeiten und den Kategorien nicht einordnen, sondern lediglich „einahnen“ kann, versagt die Beschreibung und wendet sich, wie es immer bei guter Kunst der Fall ist, hilfesuchend einem Dritten zu, der historischen Rekonstruktion, dem Vergleich, der Metaphorik, der Ikonographie bla bla. Viel angemessener als der ganze lange belesene Mittelteil dieses Textes bleibt also das Wort, mit dem er anfing: seltsam.

Harald Welzer

Close

in: artist Kunstmagazin, Nr. 97, 2013

Marion Bertram: Der Blick ist ein Werkzeug

Der Blick ist ein Werkzeug

Bei dem von Manfred Holtfrerich gezeigten Konvolut von skulpturalen Arbeiten handelt es sich um eine Serie von Wandobjekten mit exakt gleicher Form, doch sehr differenter Farbgebung. Die gefundene Form ist eine symmetrische, taillierte Körperform, die an eine Vase erinnert. Es besteht eine Referenz zu alten, archaischen Gefäßformen, die jedoch nicht nur skulpturales Zitat oder reine Nachbildung sind. Die Objekte sind vielmehr Teil einer Untersuchung darüber, wie sich spezifische Farbfeldkonstellationen auf einem dreidimensionalen Körper im Gegensatz zur Fläche verhalten. Manfred Holtfrerich entwickelt mit seinem Projekt einen Farbfeldbezug, den man bisher eher auf der Fläche kannte. Das serielle Konzept thematisiert das Verhältnis von Einzigartigkeit und Variation, von Übereinstimmung und Abweichung. Unterschiedliche Farbkombinationen und Farbmaterialien bestimmen den Einzelcharakter der Wandobjekte, wobei das Faktum der Körperlichkeit wie das der Farbigkeit das sinnliche Vermögen gleichermaßen affizieren.
An dieser Stelle möchte ich zwei Aspekte der Farbe betonen, zum einen ihre Buntheit, d.h. die unterschiedlichen Farbtöne und zum anderen die Materialität der Farbe wie seidiger Glanz, Stumpfheit, Mattheit oder Hochglanz, sowie Transparenz und Opazität, Abgeschlossenheit und Reflexionsvermögen.
Holtfrerich projiziert Farb- und Materialverhältnisse auf seine skulpturalen Formen und konstruiert nicht zuletzt mit der Hängung, d. h. in der Wahl der Hängehöhe und der Abstände zwischen den Objekten, einen engen Bezugsrahmen und zugleich ein rhythmisches Feld. Die Bedingtheit der Farbe heißt, Farbe ist nichts ohne die Form, auf die sie trifft.

In seinen Bildobjekten entwickelt Manfred Holtfrerich ein subtiles Spiel mit der impliziten Bewegung seiner „Filmstills“. Das Kreuz der Mühlenflügel und ein Vogel im Flug ergeben markante Bildachsen, auf die der Künstler mit einem geometrischen Grundkanon von Halb-, Viertel- und Diagonalteilungen seiner Bildflächen reagiert. Quellen seiner fotografischen Motive sind häufig Kunst- und Naturbücher mit historischen Aufnahmen. Maßgeblich für die Auswahl sind nicht narrative, sondern strukturelle Qualitäten und die Zeichenhaftigkeit seiner Bildfiguren, die oftmals die Ideen für ihre Transformation bereits in sich tragen.
Zunächst durchlaufen die Vorlagen durch mehrfaches Kopieren, Vergrößern und weitere technische Bearbeitung ein Abstraktionsverfahren. Durch die Übersetzung mit dem Laserkopiergerät ergibt sich eine allmähliche Veränderung der Bildstruktur. Vertikale und horizontale weiße und schwarze Streifen treten zufällig als Markierungen hervor. Flächenabschnitte erhalten durch unterschiedliche Graustufen eine neue Betonung. Dieses Verfahren entkleidet die gefundenen Bilder immer mehr ihrer konventionellen foto-grafischen Qualität.
Das Bild wird buchstäblich Fläche. Es wird reduziert, zurückgeführt auf sein geometrisches Muster, welches durch den Auftrag einer transparenten Lackschicht zu einer neuen Bildlogik führt. Mit klaren oder eingefärbten hochglänzenden Lackflächen gibt Holtfrerich seinen Bildwerken einen anderen Status und verleiht ihnen durch ihre formale Klarheit und Präzision in der Flächenbehandlung eine neue ästhetische Bedeutung. Mittels der Lackschicht gewinnt das Bild eine zweite, konkrete Bildebene hinzu und wird Objekt. Das Motiv als solches verliert allmählich an Bedeutung und das Objekt mit seiner Konkretheit in Form und Fläche tritt hervor. Der Grenzbereich von Bild-und Objekthaftigkeit wird zudem durch den Doppelcharakter der Spiegelung in den Bildern deutlich. Zum einen werden die Lackflächen an den horizontalen und vertikalen Achsen im Bild gespiegelt, zum anderen spiegelt sich der Raum und die Umgebung der Bilder in den lackierten Flächen.
Die Arbeiten sind neben ihrer ambivalenten Erscheinung als Bildobjekt und Objektbild zuallererst Kunstwerke von großem sinnlichen Reiz. Doch darüber hinaus sind sie immer auch Untersuchungen über die Bedingung der Möglichkeit von Malerei und Skulptur.
Letztendlich geht es nicht darum, weitere Bilder zu erschaffen, sondern bestimmte Motive aus der vorhandenen Vielfalt der Formen und Bilder herauszulesen und durch ein sehendes Sehen (M. Imdahl) zu transformieren, um unsere Vorstellungswelt zu erweitern. Dieser Ansatz bedeutet, Kunst machen ist ein fortwährendes Forschungsprojekt. Mit Gespür und offenem Blick holt Manfred Holtfrerich in Bildern und Gegenständen erst die Potentialität der Dinge hervor, damit sie Kunst werden können.
Sein und Haben.

Marion Bertram

Close

in: Manfred Holtfrerich, Bilder und andere Objekte, Bremen/Hamburg, 2009

Nicole Büsing/Heiko Klaas: Farben, Flächen, Fundobjekte

Der Hamburger Künstler Manfred Holtfrerich in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst

Farben, Flächen, Fundobjekte

Der Hamburger Künstler Manfred Holtfrerich, 61, ist ein Perfektionist. Das merkt man sofort beim Betreten seiner aktuellen Ausstellung in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst/Barbara Claassen-Schmal. Die vier an Vasen erinnernden Wandobjekte, auf die der Blick des Besuchers gleich im ersten Raum gelenkt wird, sind von der Form her absolut identisch: Ein kurzer schlanker Hals, eine wohlgerundete Oberkörperpartie, die schlanke Taille und der ausladende Bauch geben den Gefäßen eine anthropomorphe, entfernt an die weibliche Anatomie erinnernde Anmutung. Alle vier sind in jeweils drei monochrome farbige Segmente unterteilt. Der Künstler experimentiert hier ebenso mit kräftigen Kontrasten wie mit harmonisch aufeinander abgestimmten Farbtönen. Einmal prallen Hellblau, Pink und Gelb aufeinander. Ein anderes Mal treffen sich Orange, hochglänzendes Schwarz und sanftes Grün auf einem der in den Raum ragenden Objekte. Mal sind die Farben matt, mal so brillant, dass sich Betrachter und Raum darin spiegeln. Die Reihe ließe sich theoretisch endlos fortsetzen.

Das Prinzip der offenen Serie spielt in Manfred Holtfrerichs Werk eine große Rolle. Ebenso sachlich wie zurückhaltend lautet der Titel der Schau: „Bilder und andere Objekte“. Gleichzeitig verrät der Titel aber auch, worum es dem Künstler geht: Seine hybriden Formen zwischen Malerei und Objekt, Tafelbild und Skulptur erkunden die Grauzonen zwischen den von der traditionellen Kunstgeschichte so gern getrennten Gattungen. Wann wird das Bild zum Objekt? Wann das Objekt zum Bild?

Auf erzählerische Titel verzichtet Manfred Holtfrerich. Understatement und Schnörkellosigkeit kennzeichnen das Werk dieses seit den späten 1970er Jahren kontinuierlich arbeitenden Künstlers, der bei dem Konzeptkünstler Franz Erhard Walther an der Hamburger Hochschule der Künste studiert hat und dessen Arbeiten in etlichen privaten und öffentlichen Sammlungen prominent vertreten sind. Im Kunstmuseum Bremerhaven ist seinem Werk ein ganzer Ausstellungsraum gewidmet.

Manfred Holtfrerichs Werke lassen zugleich Anklänge an die Minimal Art wie an die Farbfeldmalerei und Konzeptkunst erkennen. „What you see is what you see“. Dieser ebenso prägnante wie berühmt gewordene Satz des amerikanischen Künstlers Frank Stella lässt sich auch auf Holtfrerichs Arbeiten anwenden. Das dem Bild zugrunde liegende Konzept soll ohne Vorwissen ablesbar und unmittelbar erlebbar sein. Keine versteckten Metaphern oder mühsam dechiffrierbaren Botschaften. Ähnlich wie bei Frank Stellas Shaped Canvas-Bildern, wo die rechteckige Begrenzung der Leinwand zugunsten unregelmäßig geformter, in den Raum vordringender Bildträger aufgegegeben wurde, verlässt auch Manfred Holtfrerich das traditionelle Tafelbild und schafft in seiner Vasen-Serie hybride Formen zwischen Malerei und Skulptur. Die Form der Vase bedingt die Abmessungen der Farbfelder. Indem er Inhalt und Form so miteinander in enge Korrespondenzen setzt, negiert Holtfrerich radikal das Konzept der Abbildhaftigkeit von Malerei oder Skulptur. Er betreibt eine analytische Malerei, die die Grundvoraussetzungen und die Möglichkeiten des Mediums mit den Mitteln des Mediums untersucht, variiert und hinterfragt.

Eine andere Serie besteht aus großformatigen schwarzweißen Laserkopien, die Manfred Holtfrerich auf MDF-Platten aufgezogen hat. Die Bilder dieser Reihe zeigen konventionelle Motive. So sind zwei versetzt angeordnete, wohl holländische Windmühlen zu erkennen, deren Umrisse sich auf einer Wasseroberfläche spiegeln. Ein anderes Motiv zeigt eine in der Luft befindliche Möwe mit ausgebreiteten Flügeln. Diese in älteren Büchern gefundenen und durch mehrmaliges Fotokopieren stark verfremdeten, grafisch markanten, inhaltlich aber letztlich beliebigen Motive überzieht Manfred Holtfrerich partienweise mit transparentem Hochglanzlack, dem Farbpigmente in Grün, Gelb, Orange oder Lila hinzugefügt sind. So entstehen einzelne, stark akzentuierte Rauten oder Dreiecke, schachbrettartige Vierteilungen oder gleichmäßig horizontale Zweiteilungen der Bildvorlagen. Der Blick wird weniger aufs Motiv als auf die grafischen und formalen Eigenschaften der bearbeiteten Vorlage und des künstlerischen Resultats gelenkt. Ihren Reiz entwickeln diese Bilder aus dem ebenso sinnlichen wie konzeptuellen Spiel mit Repräsentation und Abstraktion, Einzigartigkeit und Reproduzierbarkeit, Reduktion und Aufladung.

Am verblüffendsten auf den Betrachter wirken die Aquarelle aus der Serie „Blätter“, die Holtfrerich im letzten Raum der Ausstellung in zwei übereinander hängenden Reihen präsentiert. Was im ersten Moment aussieht wie gepresstes, fotografisch oder drucktechnisch reproduziertes Laub, ist tatsächlich handgemacht. In dieser seit 1990 immer weiter anwachsenden Serie aquarelliert der Künstler gefundene Blätter mit so großer Präzision, dass selbst kleinste Adern und Nervaturen, unregelmäßige Verfärbungen und Insektenfraß präzise wiedergegeben werden. Manfred Holtfrerich, der sich in seinem Werk mit ganz unterschiedlichen Strategien der Bildaneignung, der Verfremdung und Transformation beschäftigt, setzt in dieser, immer wieder nebenbei entstehenden Serie fast auf das Gegenteil dessen, was er sonst als ästhetische Strategie bevorzugt. Er kontrolliert hier nicht den Prozess der Bildproduktion; das Bild ist ja bereits da und verlangt bloß nach Ausführung. Der Prozess des Auswählens wird an die Natur delegiert. Holtfrerich probiert hier nichts Neues aus, und er experimentiert auch nicht mit unterschiedlichen Farben und Trägermaterialien, wie er es sonst oft tut, um zur endgültigen Bild- oder Formfindung zu kommen. Stattdessen unterwirft er sich in meditativ-ritualisierter Form einem vorgefundenen Stück Natur, dessen einmalige Schönheit, Vollkommenheit oder auch Unvollkommenheit er malerisch so präzise wie nur irgend möglich reproduziert.

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas 10.11.2009

Close

Der Hamburger Künstler Manfred Holtfrerich in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst
in: Kunstmarkt.com, 2009

Johannes Bruggaier: Bäume, Vasen und Windmühlen

Weser Kurier, Bremen, Von Johannes Bruggaier BREMEN (Eig. Ber.)

Bäume, Vasen und Windmühlen:

Werke von Manfred Holtfrerich sind in der Bremer Galerie Claassen-Schmal zu sehen
In reifem Alter zeigen auch Ahornblätter Charakter 05.11.09

Zu den ganz alltäglichen Wundern zählt der Baum. Achtlos fegt die Kehrmaschine seine Blätter von der Straße. Dabei ist jedes von ihnen ein Kunstwerk. Keines gleicht dem anderen, Blatt für Blatt ein eigener Charakter.

Vasen oder Kegel? Wandobjekte von Manfred Holtfrerich.

In seinen Aquarell-Porträts, welche die Werkschau in der Bremer Galerie Claassen-Schmal zeigt, arbeitet Manfred Holtfrerich jede Facette dieses Naturprodukts heraus. Jedes seiner skizzierten Blätter erhält zu seiner Entfaltung großzügigen Raum. Leuchtend Rot hebt sich etwa das Exemplar eines Ahornbaums vom weißen Hintergrund ab. Mit majestätischer Eleganz reckt es sich in die Höhe: schlank, gereift, fast ein wenig eingebildet.

Auf einem anderen Papier ist seine Schwester zu finden. Aber, ach: Was für eine dicke, feiste Henne macht sich da breit! Mit ihrem ausladenden Unterteil scheint sie es sich auf der Fläche regelrecht gemütlich zu machen, der kurze Stängel krümmt sich unter dem Gewicht. Und dann ein drittes Blatt: Kränklich sieht es aus mit seinen gelben Einfärbungen, Typ Intellektueller, der sich zu lange in geschlossenen Räumen aufgehalten hat.

Ob elegant, dick, oder blass: Bei Holtfrerich ist jeder Charakter vertreten. Nur zwei Sorten fehlen. Erstens: der gewöhnliche Durchschnittsahorn der kanadischen Flagge – ein Ideal, wie es sich nur der Mensch ausdenken kann, nicht aber die Natur. Zweitens: junge Exemplare. Mit Baumblättern nämlich verhält es sich wie mit guten Weinen. Der Charakter zeigt sich erst im gereiften Alter.

Themenwechsel: Vasen. Oder sind es Kegel? Jedenfalls hängen vier wohlgerundete, in der Mitte stark taillierte Gegenstände an der Wand, die den männlichen Besucher gleich an Frauenkörper denken lassen. Drei Farben sind auf ihnen in dicken Streifen aufgetragen. Der Hals der ersten ist hellblau, mit ihm beißt sich der pinkfarbene Mittelteil. Hinzu gesellt sich ein knalliges Gelb im unteren Bereich des Objekts. Blau, pink, gelb, basta. Nichts erinnert mehr an filigrane Blattstudien mit detaillierten Farbdifferenzierungen. Stattdessen: Ramsch in Krawallfarben. Kaum zu glauben, dass hier ein und derselbe Künstler gewirkt haben soll.

Bei näherer Betrachtung jedoch lassen sich unvermutete Zusammenhänge erahnen. Denn in den unterschiedlichen Farbkompositionen offenbaren die vier Körper stark variierende Assoziationsspektren. Während das pinkbetonte Objekt fast anzüglich ist, wirkt sein Pendant in der Kombination von Gelb, Weiß und Blau wie einer Kinderstube entnommen. Wurde hier wirklich lediglich eine Farbe eingetauscht? Pink gegen weiß? Nein: Auch die Reihenfolge der Farbstreifen ist verändert. Das reicht dann aber auch schon, um einem Exponat eine gänzlich veränderte visuelle Botschaft mit auf den Weg zu geben. Und sind es bei den Baumblättern nicht gleichfalls nur Details, die zu erheblichen Differenzen in der Wahrnehmung führen?

Eine Serie von Fotokopien rundet Holtfrerichs bemerkenswert vielfältiges Werk ab. Windmühlen erscheinen in grobkörniger Auflösung auf der Leinwand. Die schwarzweiße Abbildung verleiht ihnen einen fragmentarischen und damit musealen Anstrich. Dem wirkt eine in Rautenform aufgetragene Lackschicht entgegen. Durch die grün-gräuliche Masse erhalten die Mühlen wieder eine neue Plastizität. Im Ergebnis steht ein Widerspruch. Denn das torsohafte Dokument vergangener Tage zeigt sich in überrealistischer Figürlichkeit: Als käme jemand auf die Idee, grisselige Schwarzweiß-Filme der zwanziger Jahre in 3-D zu zeigen.

Tatsächlich offenbart Holtfrerich mit seiner Werkschau eine ganz eigene Variante der Dreidimensionalität. So unterschiedlich seine drei strategischen Grundausrichtungen auch sind: Sie fügen sich doch zu einem ästhetischen Raum. Es ist der Raum der optischen Möglichkeiten und Wahrnehmungsvariationen; in ihm lässt sich untersuchen, wie Identitäten entstehen und was individuellen Ausdruck erzeugt. Die Ausstellung in der Galerie Claassen-Schmal bringt diesen Raum eindrucksvoll zur Geltung.

Close

in: Weser Kurier, Bremen, 2009

Claudia Postel: Manfred Holtfrerich

Manfred Holtfrerich

Bilder aus der Zehnbambushalle und andere schöne Skulpturen und Objekte

Was wäre, wenn? Wenn Manfred Holtfrerich nach der Eröffnung seiner Ausstellung im Kunstverein von Oberhausen nicht noch in das auf dem gleichen Zechengelände gelegene Bergbaumuseum gegangen wäre? Wenn Manfred Holtfrerich nicht unter den zahlreichen Souvenirs und Hochglanzpublikationen des Museumsshops das schmale Heftchen mit den so eigentümlich steif und archaisch anmutenden Darstellungen der Bergbaugewerke, die anlässlich des Geburtstages des Direktors einer Zinkhütte in den Vogesen im Jahre 1868 inszeniert wurden, gefunden hätte? Fasziniert von den alten Fotografien erwarb Holtfrerich die Publikation, ohne bereits zu wissen, wozu er sie verwenden wollte. Die Geschichte der Hüttenarbeiter von Manfred Holtfrerich zeigt nicht nur seine eigene Aufgeschlossenheit dem Neuen und Unerwarteten gegenüber, sie ist auch eine Geschichte über die Anstöße, die Zufallsfunde in der künstlerischen Produktion auslösen können.

Und dann ist es vielleicht doch kein Zufall, denn die Bilder enthalten viele Elemente, die Manfred Holtfrerich schon früher an Porträts interessierten und zur eigenen Produktion anregten: Bereits in den frühen Achtziger Jahren hatte Holtfrerich sich für die Haptik alter Buchpublikationen vom Beginn des 20. Jahrhunderts mit den sorgfältig ausgeführten Tiefdruckreproduktionen der Gemälde alter Meister begeistert. Dort waren ihm besonders die Porträts Holbeins aufgefallen, die in ihrer Isoliertheit und steifen Archaik Holtfrerich, der sich mit konkreter Malerei befasste, als Vorlage interessierten. Er versah die Kopie des Porträts einer jungen Frau mit einem orangefarben leuchtendem Rand, kontrastierte so das schwarzweiße des alten Druckes mit der auffallenden Farbe und isolierte das Bild, das er zugleich rahmte und zu einem Bestandteil seiner eigenen Arbeit erklärte.

Mittel dieser Arbeiten ist die Fotokopie: Wiederholt kopiert Manfred Holtfrerich Fotografien und Tiefdrucke hoch – zum Teil, bis sich das Motiv in einer pointillistischen Akkumulation von weißen und schwarzen Punkten auflöst. Die Serie der Bergarbeiter, die in der Katalogwiedergabe an den dokumentarischen Charakter ethnologischer Fotografien der Zeit erinnert, wird durch die für die Fotokopie typischen Schlieren und Streifen verfremdet und wirkt gebrochener: Die grobe Pixelung erinnert an alte Publikationen und entrückt zusammen mit den Schlieren das Motiv dem Betrachterblick. Wie das Knistern einer alten Schallplattenaufnahme erhalten so die archaischen Bilder eine neue, emotionalere Ausstrahlung. Montiert auf Balken ragen sie in den Raum in einer von den flachen fotografischen Vorlagen abweichenden Plastizität, die durch die Größe des Abzuges eine eigene Präsenz erhält.

Stehen die Motive der montierten Schwarzweißkopien noch für sich, so werden die auf zum Teil mannshohe MDF-Platten aufgezogene Kopien von Fotografien der Hüttenarbeiter, von Abbildungen aus der Bildersammlung aus der Zehnbambushalle sowie alter Landschafts- und Porträtaufnahmen durch großflächige geometrische Formen verfremdet, die in transparent-farbigem Lack auf die schwarz-weißen Flächen aufgetragen werden. Das ursprüngliche Motiv bleibt erhalten, die farbige konkrete Form jedoch dominiert den Gesamteindruck, hebt Elemente hervor und bewirkt im Zusammenklang mit dem Ursprungsmotiv eine neue, abstrakte Sicht auf die figurative Aufnahme.

Für diese erst in den letzten zwei Jahren entstandenen transparenten Übermalungen wählt Holtfrerich differenziert abgestufte Mischungen von RAL-Farben, die er im neutralen Lack auflöst. Diese feinen Farbabstimmungen unterscheiden sich deutlich von den leuchtenden Signalfarben, die seine frühen konkreten Malereien ausmachten und den klaren Farben – meist eine Grundfarbe kombiniert mit Weiß oder Schwarz, mit denen er seine Skulpturen überzog. Die Wahl von Farbe und Form trifft Holtfrerich in Auseinandersetzung mit dem Motiv. So ist es besonders der Entscheidungsprozess, der zum Bestandteil des Kunstwerkes und des Schaffensprozesses wird und der den Künstler selbst als Entscheidungsträger in die konkrete Form einbindet. Der Lackauftrag erfolgt dann in mehreren Schichten, bis sich eine räumlich wahrnehmbare Fläche von der Grundlage abhebt, die jeglichen Gestus missen lässt. Dies steht in Kontrast zu einer anderen Serie, an der Holtfrerich bevorzugt in seinem Urlaub arbeitet und die ihm auch als Erholung von den Prozessen der konkreten Kunst dient: In täuschend ähnlicher Kopie malt er getrocknete Herbstblätter in Aquarell mit feinstem Pinsel, bis die Arbeit von dem Original kaum mehr zu unterscheiden ist. In dem meditativen Verfahren ist die „Hand“ des Künstlers und seine technische Rafinesse in jedem Strich präsent, den Entscheidungsprozess über die Darstellung überlässt Holtfrerich allerdings weitestgehend der Natur, lediglich die Auswahl der gesammelten Blätter sind noch Bestandteil seiner künstlerischen Entscheidung.

Auch in seinem skulpturalen Schaffen hat sich das Farbspektrum, in dem Holtfrerich seine überdimensionierten Vasen oder Kannen bemalt, inzwischen gewandelt. Beeinflusst durch die neue Form, die er für seine plastischen Arbeiten gewählt hat, sind die Farben aus seiner Sicht „emotionaler“ geworden. Hatte er für die überdimensionale Darstellung einer chinesischen Teekanne, deren ideale Form er bewunderte, Signalfarben gewählt, die in ihrer großflächigen zweigeteilten Bemalung die Radikalität der Form der Kanne betonten, verlangen nun die fast weiblich anmutenden Kurven einer großen Vase nach neuen Farben. Hier dominiert die Dreiteilung der Farbe, die variantenreichere Farbkombinationen ermöglicht und durch Pastelltöne oder Gold und Grün neue Noten von Leichtigkeit und Eleganz in das Farbspektrum der Skulpturen bringt.

Im Bild wie auch in der Skulptur ist es jedoch immer wieder ein Grundthema, das Manfred Holtfrerich interessiert: Sein Interesse für das Verhältnis von zweiter und dritter Dimension und der Wirkung, welche die Fare in diesen Bereichen erzielen kann. Und so mag es auf den ersten Blick erscheinen, dass in der Ausstellung zwei Künstler präsentiert werden – ein Maler und Konzeptkünstler, der mit schwarzweißen Reproduktionen arbeitet, und ein Bildhauer, der leuchtend bunte Skulpturen zu seinem Thema gewählt hat. Tatsächlich sind es jedoch nur zwei Seiten des gleichen Themas, das Manfred Holtfrerich seit Anbeginn seines Schaffens interessiert und das er in immer neuen Varianten und Differenzierungen erkundet.

Text: Claudia Postel

Close

Bilder aus der Zehnbambushalle und andere schöne Skulpturen und Objekte, Galerie Renate Kammer, 2009

Joachim Kreibohm über Manfred Holtfrerich

»Orangerot: Dieses warme feurige Rot entspricht im Farbwert dem Zinnober oder Kadmiumrot. Durch seine Aufdringlichkeit hinterläßt es in empfindsamen Naturen eine nicht unerträgliche Erschütterung.« (Peppino Wieternik)

Überraschenderweise bevorzugt Manfred Holtfrerich eine Farbe, die eigentlich keiner mag: Orangerot. Eine aufdringliche Farbe, die stets Aufmerksamkeit erheischen und sich in den Vordergrund drängen will. Bereits Johann Wolfgang von Goethe bemerkte, »auch habe ich gebildete Menschen gekannt, denen es unerträglich fiel, wenn ihnen an einem sonst grauen Tage jemand im Scharlachrock begegnete«. Orange ist eine Farbe, die identisch mit dem Namen der Frucht ist. Vor der Orange gab es kein Orange. Orange schützt durch Auffälligkeit, sie ist die Farbe der Sicherheit. Orange ist als Farbe des Wandels die Farbe der chinesischen Philosophie. Orange ist auch die Farbe des Vergnügens und der Geselligkeit. »Jedermann weiß, daß Gelb, Orange und Rot Ideen der Freude und des Reichtums einflößen und darstellen«, schrieb Eugène Delacroix. So trug Dionysos, der Gott des Weines und der Fruchtbarkeit, orangefarbene Kleider.

Manfred Holtfrerichs Interesse gilt der Klärung und Objektivierung des Formalen. Er stellt die Frage nach den Grundbedingungen des Bildes und hat sich der Untersuchung scheinbar gegensätzlicher Elemente verschrieben. Seine Strategien kreisen um die Fragestellung, in welcher Weise konkrete Farben und Formen auf der Fläche zusammenzuführen sind, um zu einem neuen Bild zu werden. Bewegt sich dieser Ansatz auf ausgetretenen Pfaden und gesichertem Terrain oder gelingt es, zu neuen Lösungen zu gelangen, ohne den Moden der Kritik und einem wie immer geforderten Innovationsdenken zu entsprechen.

In seinen frühen Arbeiten werden geometrisch-konstruktive Formelemente mit farbintensiven Bildgründen konfrontiert. Anfang der 1990er Jahre geht er in seinen Untersuchungen einen entscheidenden Schritt weiter und greift auf vorgefundene formale Lösungen zurück, um den persönlichen Duktus zugunsten einer Objektivierung des Formalen auszuschließen: Orangerot wird mit körperlich erscheinenden Darstellungen konfrontiert. Der Bildgrund und die auf ihm angeordneten Figuren stehen sich gegenüber. Ferner werden vorgefundene Objekte, etwa ein Teekännchen aus dem China des 10. Jahrhunderts, überdimensional nachgebildet und jenes Orangerot mit seiner extrem flächigen Anmutung direkt auf dreidimensionale Volumina aufgetragen. Bereits durch die Veränderung der Größenverhältnisse verlieren die Kannen ihre Bestimmung, ein nützlich Ding zu sein. Nicht wie Skulpturen auf einem Sockel, sondern gleich einem Bild sind diese farbig gefaßten Kannen direkt an der Wand befestigt, sie scheinen vor der Wand zu schweben und verlieren an plastischer Präsenz. Die Farbe gewinnt Macht über den Gegenstand und läßt ihn zum Bildgrund werden. Neben dem aufdringlichen Orangerot greift Manfred Holtfrerich auf eine begrenzte Skala von Blau, Gelb, Weiß und Schwarz zurück. Somit haben die Kannen als skulpturaler Gegenstand ihre eigentliche Funktion eingebüßt und werden trotz ihrer dreidimensionalen Eigenschaft gleichermaßen Bild. Bei seinen aus Holz handgedrechselten Tellern kontrastiert Orangerot mit Weiß, Schwarz oder Gold. Ebenso sind diese Arbeiten zweifach zu bestimmen: sie sind sowohl Bildfläche als auch Skulptur. Diese Ambivalenz markiert ihr Spannungsgefüge.

Inversionen finden statt: Die Bilder nehmen objekthaften, die Objekte bildhaften Charakter an. So hat die vormalige Beziehung von Farbe und Form eine Umkehrung erfahren. Fläche und Körper korrespondieren miteinander, nähern sich an und entfernen sich voneinander. Durch diesen Dialog entsteht etwas Neues, das weder Bild noch Objekt ist. Diese gegensätzlichen Elemente werden nicht in eklektizistischer Weise zusammengeführt, sondern erhalten eine eigene Verlaufsform. Das Bild scheint sich von seiner immanenten Bestimmung zu entfernen und sich nicht gemäß dieser zu verhalten. Im gleichen Maß entfernt sich das Objekt von seiner Bestimmung, Volumen im Raum zu erobern. Das Objekt nimmt flächigen Charakter, die Fläche objekthaften Charakter an. Anders formuliert: es entstehen objekthafte Bilder und bildhafte Objekte.

Eine weitere Werkgruppe greift ebenfalls auf vorgefundene formale Lösungen zurück. Gewichtige Geschichtsbücher und edle Kunstbände bilden die Vorlage für die Motive. Ihre Wahl wird bestimmt durch den jeweiligen formalen Ausdruck und durch die formale Eigenwilligkeit. Beispielsweise sind wertvolle Deckelpokale, Büsten berühmter Franzosen oder ehrwürdige Etrusker die Motive. Sie werden kopiert, extrem vergrößert und sind von einem lackierten, insbesondere die früheren Arbeiten charakterisierenden orangerotem Rand umgeben. Der Rand tritt in Kontrast zum schwarz-weißen Motiv und verstärkt seinen Objektcharakter, fungiert als Rahmen und grenzt gleichermaßen aus wie er abgrenzt, schließt etwas ab und weist über sich hinaus. Allerdings sind weder individuelle Biografien noch konkrete Personen Ausgangspunkt bildnerischer Strategien. Narrative Elemente sind dem Werk fremd. Statt dessen fungieren die Objekte als formaler Bestandteil eines Bildes und streifen die Rolle des figürlichen Motivs ab. Das Motiv wird zum Element des Bildhaften, verliert in seiner Gegenständlichkeit an Relevanz und gewinnt als Bildfigur an Bedeutung. Objekt und Bild, Form und Fläche werden vereint und lassen etwas Neues entstehen. Das Bild selbst wird zu einem anschaulichen Objekt.

Neben Bildern und Objekten entstehen in Form von Aquarellen realistische Darstellungen von Herbstblättern. Die Natur wird exakt abgebildet. Diese Arbeiten können als einzelne bestehen und sind dennoch Teil eines Systems oder Teil einer Serie. Jedes Blatt hat seine bestimmte formale Eigenart, seine bestimmte Farbigkeit, seine bestimmte Materialität und eröffnet eine unendliche Vielfalt weiterer Gestaltungsweisen. Die Blätter lösen sich von der Zweidimensionalität des Bildes und nehmen plastischen Charakter an, ohne wirklich Objekt zu werden. Zum einen verweisen sie in ihrer Einmaligkeit und Schönheit auf sich selbst und wollen nur sein. Zum anderen emanzipieren sie sich von ihrem bloßen Sein und weisen über sich hinaus auf die vielfältigen Möglichkeiten bildnerischer Formulierungen. In ihrer lakonischen wie exakten Ausformulierung zeigen sie die Wirklichkeit wie sie ist, ohne daß man sie wirklich so gesehen hat. Die Beziehung zwischen Bildwelt und Außenwelt reduziert und konzentriert sich auf eine unmittelbare Beziehung zwischen Objekt und Betrachter.

Manfred Holtfrerichs Untersuchungen überzeugen durch überraschende Lösungen. Seine Arbeiten lassen sich als Essay über die Grundbedingungen des Bildes lesen. Ein ständiges Wechselspiel findet statt. Das Prinzip der Umkehrung ist zur künstlerischen Grammatik geworden, die sich durch sein Werk zieht und es prägt. Scheinbar gegensätzliche Elemente wie Grund und Figur, Bild und Objekt, Oberfläche und Körper, Form und Fläche werden weder in ihrer puren Gegensätzlichkeit belassen noch als etwas getrennt Wahrnehmbares behandelt. Die Beziehung dieser Elemente zueinander ist zu einer dialektischen geworden. Mal überwiegt das Bildhafte der Objekte, mal das Objekthafte der Bilder. So will der dreidimensionale Gegenstand als Bild betrachtet werden, die zweidimensionale Fläche verlangt dreidimensionale Aufmerksamkeit. Weder bleiben die Arbeiten Bild noch werden sie zum Objekt, vielmehr sind sie etwas Anderes geworden – ein Bildobjekt. Die Bildhaftigkeit der Objekte einerseits und die Objekthaftigkeit der Bilder andererseits verweisen auf die Ambiguität seines Werkes. Vorschnelle Antworten auf die Frage, was eigentlich ein Bild sei, werden nicht gegeben. Die Sehnsucht des Betrachters nach Eindeutigkeit und kategorialer Zuordnung wird enttäuscht, hingegen werden seine Erwartungshaltungen beständig hinterfragt. Manfred Holtfrerichs Arbeiten erschöpfen sich weder in den farb- und formanalytischen Untersuchungen noch kokettiert er mit neokonzeptuellen oder kontextuellen Ansätzen. Seine Resultate belegen, daß auch in einer Zeit, in der prozeßhaftes Arbeiten und kommunikative Prozesse zusehends die künstlerische Praxis bestimmen, ein mit bildnerischen Mitteln veranstalteter Diskurs über die Objektivierung des Formalen zu neuen Lösungen führen kann. Ohnehin ist diese Untersuchung längst noch nicht abgeschlossen.

(aus: artist Kunstmagazin, Nr. 34, 1998)

Close

in: artist Kunstmagazin, Nr. 34, 1998

Manfred Holtfrerich, befragt von Jürgen R. Schwarz zur Reihe „Blätter“,

J.S. Was ist dir wichtig bei den Blättern, worauf kommt es dir an?
Kurz gesagt, dass die Blätter sich zeigen, wie sie sind, als Blätter, – so wie sie mir erscheinen, in ihrer Schönheit und Einzigartigkeit, – frei von Interpretation. In „Die Aktualität des Schönen“ sagt der Philosoph Hans-Georg Gadamer: „Mimesis in der Kunst heißt nicht, etwas Vorbekanntes nachzuahmen, sondern etwas zur Darstellung zu bringen, so dass es auf diese Weise in sinnlicher Fülle gegenwärtig ist“. Das finde ich richtig. Darauf kommt es an.

J.S. Warum nimmst du Blätter, warum nicht Muscheln oder Blumen?
Mich beschäftigt, was ein Bild ist, als Eigenart allgemein, wie es sich formuliert und wie es sich darstellt als konkreter Gegenstand. In diesem Zusammenhang waren Blätter, speziell Herbstblätter, besonders interessante Objekte. Sie zeigen in den Momenten ihres Verfallsprozesses ein schon „fertiges“ Bild mit dem, was wir auf der Blättfläche sehen, quasi eine „Komposition“ der Natur, die wie selbstverständlich erscheint. Ich mußte sie nur noch darstellen und hatte das Bild. Diese „vorformulierte Gestaltung“, – das Bild im Bild oder das Bild als Bild -, das hat mich fasziniert und zu dieser Arbeit angeregt.

J.S. Du stellst die Blätter in natürlicher Größe dar, warum?
Eben weil ich sie zeige, wie sie sind, als einmalige und unverwechselbare Objekte der Natur, es gibt keinen Grund, sie zu verändern. Die natürliche Größe zu negieren, würde die Arbeit in ihrer Klarheit nur beeinträchtigen.

J.S. Wenn Interpretationen kein Kriterium in deiner Arbeit sind, gibt es andere Aspekte?
Mehrere. Der wichtigste Aspekt ist, wie gesagt, Herbstblätter zu nutzen als vorgefunde-ne Bildform, als Vorlage.
Ein anderer Aspekt ist jenes damit zusammenhängende Phänomen, nämlich die beim Betrachten von Blättern sich unmittelbar einstellende ästhetische Empfindung. Das bedeutet für die Reihe, finde ich ein „schönes“ Blatt und stelle es dar, habe ich gleich-zeitig das Bild einer „schönen“ Arbeit vor Augen. Auch wegen ihres seriellen Charakters sind die Blätter als Bildobjekt ideal. Die Reihe ist strukturell unendlich und durch die Herstellung weiterer „Blätter“ vermindert sich weder ihre Schönheit noch ihre Qualität. Die Natur liefert mir das Bildmaterial immer wieder aufs Neue, – wunderbar.
Für den Betrachter nur bedingt erkennbar, für mich persönlich sehr wichtig ist auch der Prozeß des Zeichnens, des Malens selbst. Weil mir mit dem Blatt das fertige Bildmotiv vorliegt, empfinde ich ein Gefühl innerer Freiheit beim „Machen“, und das Gefühl von „Richtigkeit“, davon, dass die Sache stimmt.

J.S. Beim Betrachten der Blätter wirken sie vollkommen natürlich, gleichzeitig spürt man, dass sie ein Kunstwerk sind. Wie kommt das?
Ich würde sagen, durch ihre Darstellung als Kunstwerk wirken sie geradezu wie eine Verstärkung des Natürlichen, eindrücklicher noch als die realen Herbstblätter selbst, so, als sieht man ein Blatt zum ersten Mal so bewußt und klar, wie eine Zusammenfassung aller bisher gesehenen und erinnerten Blätter. Das repräsentierte Blatt ist hier nicht mehr nur Verweis, sondern in ihm ist eigentlich da, worauf verwiesen wird.

J.S. Wie gehst Du beim Zeichnen vor? Gibt es verschiedene Phasen, die jedes Bild bei der Herstellung durchläuft?
Ich wähle das Blatt aus, positioniere es und umreiße es sorgfältig mit einem Bleistift und beginne, mit dem Original als Vorlage neben mir. In den ersten ein, zwei Tagen geht es noch um das Nachzeichnen des Blattes, im Verlauf des Machens aber kippt die Darstellung irgendwann um, vom Zustand der Reproduktion hin zur Repräsentation. Durch die vielen Übermalungen verselbstständigt sich die Darstellung, wird Material. Nicht mehr ich stelle etwas dar, sondern es stellt SICH etwas dar, ein Blatt liegt vor mir auf dem Papier, noch nicht perfekt, noch im Rohzustand, aber durch die Arbeit des Verdeutlichens, der Präzisierung, werden die Spuren der Herstellung Stück für Stück getilgt, das Blatt wird schöner, weil klarer. Zum Schluss hat es sich vom Zustand der bloßen Nachahmung befreit und ist zu einem Objekt geworden, zu einem künstlerischen Werk, sinnlich gegenwärtig.

J.S. Wann hast du das Gefühl, das Blatt ist fertig?
Wenn ich mir sage „mehr geht nicht“, wenn ich ein „wirkliches“ Blatt vor mir habe, wenn es als Erscheinung vor mir steht.

J.S. Die Blätter haben eine Nummer und du nennst Orte? Was bedeutet das?
Die Blätter stehen in einer Handlungsreihe. Im Prinzip ist jedes Blatt so gut wie das andere. Nummeriert sind sie in ihrer Herstellungsreihenfolge mit Jahreszeit und Angabe des Ortes, an dem die Arbeit ausgeführt wurde, weil das Machen hier so wichtig ist. Fundort und botanische Zuordnung spielen keine Rolle.

J.S. Zum Schluss, was ist es eigentlich, was uns an den dargestellten Blättern so fasziniert und erstaunt?
Ich denke, es ist die oben beschriebene ästhetische Empfindung dem Objekt der Natur gegenüber, die man beim Betrachten von Herbstblättern spürt, manche Dinge sind einfach schön in ihrer bloßen Existenz. Es ist aber auch, das hoffe ich doch, die Schönheit der formalen Äußerung in der Auseinandersetzung mit dem Objekt BLATT, die innere Klarheit der Arbeit, die sich zeigt.

Hamburg, Mai 2012

Manfred Holtfrerich in conversation with Jürgen R. Schwarz about his artworks of „leaves“

JRS You are painting leaves from natural templates thereby creating works of art. What is the essence of these works of art, what is the most important point?

MH In short, the most important point is that these leaves present themselves how they are, how they appear, in their beauty and uniqueness, free from any interpretation.
In his essay „The relevance of the beautiful “ („Die Aktualität des Schönen“) the philosopher Hans-Georg Gadamer explains: In art mimesis does not mean to imitate something already known, but it means to help something to represent itself, in such a way that it appears in its full reality. This is what I mean, this is the important point.

JRS Why have you chosen leaves, why not mussels or flowers?

MH I am always thinking about what is a picture as a work of art, how does it represent itself as a concrete thing.
In this context leaves, especially autumn leaves, are very interesting objects. They are presenting themselves in the process of discoloration as a „complete“ picture, something like a self-evident „composition“ of nature. My job is to represent this composition and thereby I obtain a piece of art.
This pre-formulated design, the picture within the picture or the picture as a picture, that is what fascinates me and that is what stimulates me.

JRS You are drawing or painting these watercolors of leaves in their natural magnitude, why are you doing this?

MH The reason is that I want to present the leaves how they are, as unique and distinctive objects of nature. There is no reason to change them. To negate their natural magnitude would compromise the clarity of the work.

JRS If interpretation is not a criterion for your work, are there other aspects?

MH There are several. The most important aspect is to use autumn leaves as a form of a found picture, as a pattern.
Another aspect is closely related, it signifies that upon looking at leaves there is an immediate esthetic sensation. This means, that if I find a „beautiful“ leave and if I depict it, then I imagine at the same time a beautiful work.
Since leaves have a serial character, leaves are ideal as picture objects. The series is structurally endless and upon adding new works of leaves their beauty and their quality are not impaired. It is wonderful that nature will provide me with new material again and again.
Although the observer is not aware of it, the process of drawing and painting itself is very important for me. With the found leave as a „finished“ picture I have the feeling of freedom during working and I also have the feeling the work is o.k. in itself.

JRS Upon looking at the „leaves“ one has the feeling that they are real. However, at the same time one is convinced that they are pieces of art. Can you explain this discrepancy?

MH Well, I would say that due to their representation as a work of art they are something like an enhancement of nature. Therefore, they are more impressive than the real autumn leaves. One gets the feeling that one is looking at a leave for the first time deliberately in a very clear imagination. At the same time one is looking at something like the essence of all leaves which one had previously been looking at and which one remembers. The represented leave does not only refer to natural leaves outside the drawing it refers to the drawing itself. This is not only a reference to the natural leave, it is a manifestation of a leave in general.

JRS How does the process of drawing looks like? Are there different stages which have to be passed during drawing?

MH After I have chosen a particular leave, it is positioned on the paper. Thereafter, I trace its outline with a pencil and fill it up with water colors. During the first and the second day the working process is an illustration, a reproduction. However, upon arriving at an advanced state of drawing there is a succinct change from reproduction to representation. During painting over and over the picture becomes materiality. A leave is in front of me, it is not yet perfect, it is in an initial state, however during the continuous progression of painting the leave becomes more and more precise, all the traces of its production will be extinguished. The „leave“ becomes more beautiful and clearer.
Finally, the leave has been liberated from a pure reproduction to a self-evident thing, a piece of art, sensually present.

JRS At which moment do you have the feeling that the painting has reached its final stage, is finished?

MH That is the moment when I am saying „nothing more can be done“, when I am looking at a „real“ leave as a piece of art, at a real appearance.

JRS The leaves are numbered and locations are mentioned. What does this mean?

MH The leaves are standing in a long line, each of them is as good as all the others. The works are numbered according to the date of their production. The year of production is given and the location, where the work was done. This is because the making of the work is much more important than the place where the leave was found or the botanical specifications.

JRS In the end, what is it, that is so fascinating and astonishing about the paintings?

MH I think, it is the sensual sensation when we are looking at autumn leaves, some things are just beautiful in their pure existence.
But also, i am sure, it is the beauty of the pictorial representation, the inner clarity of the work of art, which appears.

December 7, 2015